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ärztliche Führung beginnt mit der Selbst – Führung

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07.08.2021 Wozu Selbst-Führung?

Wenn du nicht weißt, wer du bist, kannst du keine anderen Menschen führen

Deine persönliche „Heldenreise“ (Joseph Campbell) zur Selbstführung beginnt mit der Einladung, dich selbst besser wahrzunehmen und anzunehmen: Unbewusste Muster, blinde Flecken, dir selbst nicht bewusste „Antreiber“- Glaubenssätze verhindern, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen: all das schränkt deine Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten erheblich ein. Dich selbst gut zu kennen und zu führen ist die wichtigste Voraussetzung um Führungs- und Schlüsselpositionen in verantwortungsvoller Weise auszuüben und dich nicht von Projektionen und verzerrten Wahrnehmungen verleiten zu lassen. Dazu gehört auch die Versöhnung mit deinen ungeliebten Ich- Anteilen und deren Transformation in starke Ressourcen.

Du erlangst Klarheit über deine Ziele und deinen weiteren Lebens - Weg.
Was sind Deine Ziele in verschiedenen Lebensbereichen und wie stellst Du sicher, dass du deine Ziele erreichst und dass es sich lohnt, sie zu erreichen?

19.08.2021 Die „KOSE – PROBE“

Dr. Max H.: Balance im Leben durch Coaching

Die Vorgeschichte:


Dr. Max H., 36 Jahre, könnte eigentlich glücklich und zufrieden sein.

Er hat vor acht Monaten seine Facharzt-Prüfung bestanden.
Vor einem halben Jahr ist Max zum Funktionsoberarzt seiner Abteilung befördert worden. Fünf Jahre hat er engagiert und mit Freude gearbeitet und sein Bestes gegeben. Nicht nur bei seinen Patienten. Er hat seine jüngeren Kollegen durch Rat und Tat unterstützt um sie einzuarbeiten. Für seinen Chef hat er Präsentationen für Vorträge vorbereitet. Seine Beförderung war logisch. Dass die neue Aufgabe auch neue Herausforderungen mit sich bringen würde, war ihm klar. Nur nicht, in welchem Ausmaß die neue Position ihm zu schaffen machen würde.
Die Verantwortung für therapeutische Entscheidungen im Hintergrunddienst belastet ihn. Seine Kollegen, mit denen er vorher auf Assistentenebene freundschaftlich verbunden war, sind seit seiner Beförderung für ihn spürbar „auf Distanz“ gegangen. Das kann er sich rational gut erklären. Auch er selbst war trotz eines vertrauten „Du“ einem neu aufgestiegenen Oberarzt nicht mehr so offen und kumpelhaft begegnet wie zur gemeinsamen Assistentenzeit. Und trotzdem: emotional fühlt er sich „zwischen den Stühlen“ – nicht mehr Assistenzarzt – dabei noch nicht akzeptiert von den gestandenen Oberärzten. Und zu diesen blieb ja zudem ein deutlicher Unterschied in Berufserfahrung und in der Entlohnung.

Eine Vortragsvorbereitung, die ihm früher eher leicht von der Hand ging, machte ihm zu schaffen. Die Vorstellung, einen Vortrag bei einer Fortbildungsveranstaltung der Klinik als frisch gebackener Oberarzt zu halten, lässt ihn schon Tage vorher unruhig schlafen, obwohl er fachlich gut qualifiziert ist.

Seine Konzentrationsfähigkeit hat abgenommen. Er wird fahriger und vergisst sogar neuerdings bei der Visite ihm wichtige Punkte anzumerken, was bisher niemals passiert ist. Nur mit Willensanstrengung kommt er gut durch den Klinikalltag. Am Abend ist er „fertig mit den Nerven“.

Neuerdings rebelliert auch noch sein Körper.
Seinem Freund, der vor zwei Jahren in eine Gemeinschaftspraxis gewechselt war, berichtet Max über Schlafstörungen: er liegt nachts zwischen 2:00 und 04:00 Uhr wach und grübelt seine Themen durch und fühlt sich morgens matt und zerschlagen.
Und dann noch seine Rückenschmerzen! Im Lendenbereich nehmen tagsüber schmerzhafte Verspannungen zu, die zeitweise richtig heftig werden können.
Wegen des Rückens hat er trotz NSAR - Selbstmedikation seinen Lieblingssport, das Badmintonspielen, aufgegeben. Und zum Joggen fehlt ihm einfach die Zeit.

Seine Freundin Anna, 32, hat sich vorgestern bei ihm beschwert: “du bist reizbarer und viel ungeduldiger als früher. Und Lust hast Du auch kaum noch!“. Da kündigt sich auch noch eine Beziehungs-Krise an!

Der Freund überweist Max zum Orthopäden und Neurologen, die beide einen unauffälligen körperlichen Befund feststellen und seine Beschwerden auf „beruflichen Stress“ zurückführen. Der Neurologe meint, wenn er so weiter mache, steuere er auf ein Burnout – Syndrom zu. Der Orthopäde rät, er solle doch „so richtig entspannen“ lernen. Und empfiehlt ihm um „runter zu kommen und neu durchzustarten“ eine „mehrwöchige Auszeit in einer konservativen orthopädisch - psychosomatischen Rehaklinik“. Das will Max keinesfalls. „Wie sieht das denn aus, wenn ich ein halbes Jahr nach Beförderung „eine Auszeit“ nehmen muss? Das ist doch der klassische Karrierekiller! Geht gar nicht!“

Im Laufe der letzten Monate hat Max ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner unmittelbaren Vorgesetzten, OÄ PD Dr. Susanne S. entwickelt, die er daher einzuweihen beschliesst. Er hofft, dass ihm seine Offenheit nicht als Schwäche ausgelegt werden wird. Susanne S. reagiert nicht überrascht. Sie freut sich vielmehr über seine Offenheit. Sie habe auch schon bemerkt, dass er zunehmend genervter in den Besprechungen reagiert und sich gefragt, was denn bloß mit ihm los sei. Sie habe private Probleme vermutet. Wenn er sich nicht von sich aus gemeldet hätte, hätte sie das getan. Sie empfindet seine offenen Worte als Ausdruck seiner Loyalität zu ihr und der Abteilung.. Und da sie grosses Vertrauen in seine Fähigkeiten habe und sie Max unterstützen und fördern möchte, schlägt sie ihm vor, einen „Coach“ zu konsultieren. Denn sie habe auch schon mal in einer für sie schwierigen beruflichen Situation die externe Unterstützung durch einen Ärzte – Coach schätzen gelernt.

Er hatte vieles erwartet, aber nicht diese Empfehlung. Bisher hat er doch alles in seinem Leben selbst hin gekriegt. Nach einer weiteren unruhigen Nacht steht seine Entscheidung. So kann es nicht weiter gehen. Er will es mit dem Coaching versuchen.

Der Coaching - Start

In unserem ersten Coaching - Gespräch kommt Max schnell zu Sache: „Mein Leben ist irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten - seit meiner Beförderung“.
Sein Körper rebelliert mit Schlafstörungen und Rückenschmerzen. Seine Konzentrationsschwierigkeiten werden durch seine Reizbarkeit und Ungeduld noch gesteigert. Max möchte seine berufliche Stellung keinesfalls aufgeben um als Assistenzarzt zu arbeiten, sondern vielmehr gerne weiter aufsteigen. Nur wie das gehen soll „ist mir völlig schleierhaft, wenn ich jetzt schon auf dem besten Weg in einen Burnout bin“. Und galgenhumorig: „Ich bin karrieregeil und komplett ratlos gleichzeitig“!

Max hat vorher noch nie Episoden von Erschöpfung, Melancholie oder Antriebsschwäche erlebt. Seine Kindheit war behütet und glücklich gewesen. Auch in Schule und Universität gab es keinerlei Rückschläge. Durch Ehrgeiz und Fleiss war ihm „immer alles leicht gefallen. Und jetzt das!“

Was will er durch den Coaching-Prozess für sich erreichen? Max: „Alles soll gut werden in meinem Leben... so wie früher!“

Das dürfen wir schon etwas konkreter anpacken. Und das Rad der Zeit zurückdrehen geht auch nicht. Max vermutet, dass alle seine körperliche und mentale Symptomatik psychosomatisch bedingt sind und seinen „Stress“ spiegeln. Nur wie den Dreh hinbekommen zu Wohlbefinden und Freude am Leben trotz der neuen Aufgabe?

Er hat „keine Lust auf eine jahrelange Therapie, bei der heraus kommt, dass ihm bisher alles im Leben fast in den Schoß gefallen ist und er jetzt erstmals mit seinem Selbstbewusstsein und einer vielleicht noch zu instabilen und perfektionistischen Persönlichkeitsstruktur mit hohem Anspruch an sich selbst zu kämpfen habe“ . Soweit kenne er sich auch schon. Er will eine in seinem „Alltag gut umsetzbare Idee, wie er das hinkriegt - ohne seelisches Gewühle".

Max ist offen und schnell im Kopf, direkt und motiviert. Und wünscht eine klar strukturierte Strategie für seine Veränderung. 

Ich schlage ihm vor, die „KOSE-PROBE“ zu machen.
Sein Irritation weicht bei meiner Erklärung einem amüsierten Schmunzeln.

Die KOSE PROBE

KO steht für seinen KOerper,

SE für steht für seine SEele,

PRO für seine PROfession und

BE steht für seine BEziehung zu Partnerin, Freunden und Familie.

Max soll zunächst seine aktuelle Zufriedenheit in den einzelnen Bereichen der KOSE-PROBE - sozusagen als subjektive „Wasserstands-Meldung“- auf einer Skala von 0 -100 Prozent skalieren, wobei 0 Prozent für „völlig unzureichend“ und 100 Prozent für „es geht nicht besser“ stehen.:

KO steht für KOERPER: ernähre ich mich gesund und halte ich meinen Körper gesund durch Bewegung und durch ausreichenden Schlaf?

Max: „ Bewegung und Sport kommen entschieden zu kurz, der Schlaf ist aktuell miserabel, abends mache ich mir ein ´Convenience` - Gericht in der Mikrowelle, tagsüber kaue ich mittags ein belegtes Brötchen, wenn Zeit bleibt. Zwischendurch nasche ich Süssigkeiten auf Station, wenn ich merke, dass ich hypoglykämisch werde. Im Moment bin ich bei KO nur bei 10%! Diese 10% stehen für das Kochen mit meiner Freundin am Wochenende.“

SE steht für SEELE: wieviel tue ich aktuell für meine seelische Entwicklung, Selbstverwirklichung und Sinn im Leben? Und habe ich noch „unverplante freie Zeit“?

Denn unverplante Zeit ist zum Beispiel für die Kreativität unerlässlich. Gute Ideen gedeihen nicht unter Zeitdruck. Unverplante Zeit lässt zudem Raum für spontane Entscheidungen, für glückliche Zufälle. Das Makabre daran ist, dass wir, um unverplante Zeit zu haben, diese einplanen müssen!

Max: „ Da komme ich gefühlt auf höchstens 20%! Für mich selbst und meine seelische Entwicklung mache ich zur Zeit ja gar nichts! Ausser, dass ich jetzt zu Ihnen komme. Meine Arbeit ist zwar schon wahnsinnig sinnvoll für die Patienten, allein vergeht mir selbst langsam der Spass dabei. Und meine Geige habe ich auch schon Jahre nicht mehr angerührt. Im Urlaub lese ich gerne einen Krimi, sonst nur Fachartikel im Netz. Unverplante Freizeit kenne ich seit meiner Schulzeit nicht.“.

PRO steht für PROFESSION: wie ist seine Zufriedenheit im Beruf in Form von Anerkennung und Sicherheit? Wie stark fühlt er sich wertgeschätzt und wie erfolgreich ist er? Stimmt sein Gehalt?

„Da bin ich bei guten 70%: es geht objektiv aufwärts im Beruf, das Gehalt ist ausreichend und wird noch steigen, wenn ich jetzt nicht versage. Ich kann sogar schon was für die private Altersversorgung anlegen. Und mein Chef hat mir zur Beförderung gesagt, dass er mich fachlich schätzt und ich Potential habe“.

Und BE steht für seine BEZIEHUNG zur Partnerin, seiner Familie und Freunden.

„Oh je, da kommt vieles entschieden zu kurz! Höchstens 20%! Nicht nur quantitativ, auch die Qualität meiner sozialen Beziehungen ist auf höchst überschaubarem Niveau!“

Wozu diese Bestandsaufnahme? Hier helfe ich Max mit einer Metapher :

Das ist wie bei einem normalen Stuhl, der vier Beine hat: Das erste Bein, das für KO/ Körper steht, das zweite Bein, das für SE/Seele steht und das dritte Bein, das für BE/ Beziehung steht, sind sehr wackelig. Das einzige Stuhlbein, das mit 70% noch einigermassen stabil scheint, ist sein PRO/Professions- Bein.
Und er versucht aktuell auf diesem einzigen halbwegs stabilen Stuhl-Bein artistisch zu balancieren, was sicher sehr anstrengend ist.

Max findet für seine fehlende Balance ein sehr persönliches Bild: Er hatte gerne Geige gespielt und das „wäre also jetzt so, als hätte ich nur die A-Saite zum Spielen. Und da ich nicht Paganini bin, der in seiner (angeblichen) Kerkerhaft virtuos auf nur einer Seite spielen konnte, da die anderen gerissen waren, würde ich mich freuen, wenn ich wieder alle vier Seiten auf meine Geige aufziehen und bespielen könnte!

Ich habe bisher gedacht, mein Problem sei allein der berufliche Bereich. Und ich müsse da was dran ändern. Jetzt erkenne ich, dass meine Probleme und die Ursache meiner Beschwerden wohl in erster LInie bei anderen Lebensbereichen liegen“.

Die Diagnose hat Max damit korrekt gestellt und das gewünschte Outcome / Resultat, das er mithilfe des Coaching erreichen möchte, hat er als „meine Lebensbalance erreichen“ definiert. Jetzt brauchen wir nur noch die passende Therapie. „Aber wie soll das denn gehen“?

Ich schlage ich Max vor, dass er für die einzelnen Lebensbereiche für ihn sehr attraktive Zielzustände definiert und sich danach auf einen realistischen und verbindlichen Weg begibt, auf dem er diese Ziele in den kommenden Monaten zunehmend leben wird.

Die Magie der attraktiven Ziele

Für wirksame Zielformulierungen darf er sich vorstellen, er habe seine gewünschten Ziele schon erreicht. Er kann sich dafür „in seine Ziele mit allen Sinnen hinein imaginieren“ und diese dann positiv beschreiben.

Max formuliert seine Ziele überzeugend:
zu KO: „Körperlich bin ich beschwerdefrei. Ich merke das an einem beweglichen, in Ruhe entspannten und bei Belastung stabilen Rücken“ (ohne schmerzhafte Steifheit ). Ich schlafe sieben Stunden durch (ohne Albträume oder nächtliche Grübeleien). Ich ernähre mich gesund und bin fit. Ich gehe mit meiner Freundin samstags auf den Markt einkaufen und mache zweimal pro Woche ein Ausdauertraining wie Joggen oder Radfahren. Das macht meine Freundin ja auch und gemeinsam wird das sicher toll!“

zu SE: „Ich bin ausgeglichen und gut drauf. Ich spiele einmal pro Woche 30 Minuten auf meiner Geige. Ich habe immer ein interessantes Nicht-Fach-Buch auf dem Nachttisch.“

zu PRO: „ich freue mich beim Aufwachen auf die Klinik, kann morgens bei Arbeitsbeginn tief durchatmen und gehe optimistisch meine To Do´s an. Ich tue täglich mein Bestes, um ein guter Kollege und Oberarzt zu sein. Ich plane mehrere kleine 2- Minuten- Zeitpuffer am Tag zum verschnaufen und relaxen ein“

zu BE: „Ich liebe meine Freundin und erlebe Harmonie in der Partnerschaft. Ich spüre das an einem positives Kribbeln im Bauch und einer strömenden Wärme, wenn wir uns umarmen. Ich chatte oder treffe mich1x/ Wo mit meinem besten Freund, 1x / Monat besuche ich meine Eltern oder die Eltern der Freundingemeinsam für 2 -3 h.“

Mein Gesamt- Ziel: „Ich spüre wieder in eine gute Balance in meinem Leben“ !

Der verbindliche Weg zum Ziel

Ohne Verbindlichkeit verwandeln sich Ziele schnell in „fromme Wünsche“ um, die sich irgendwann wie Neujahrsvorsätze von selbst in nichts auflösen…
Denn wer kennt das nicht:
Morgens stehst du frohgemut und voller Tatkraft mit einem perfekten Tages - Plan auf. Nur kommt es während des Tages unausweichlich zu Plan - Variationen durch Gespräche mit Kollegen, Anrufe von Patientenangehörigen, länger dauernden Visiten, die deinen schönen Tages-Plan über den Haufen werfen.
Wie genau kriegst du das trotzdem bestmöglich hin, ohne frustriert zu werden? Das ist immer die entscheidende Frage.
Denn Vorsätze und Pläne alleine taugen gar nichts! Wenn Max seine Schritte zur Zielerreichung nicht verbindlich in seinen Alltag integriert und diese ein Teil seines Lebensstil werden, ist nichts gewonnen. Im Gegenteil: das Nicht- Erreichen der selbst gesetzten Ziele führt dann zu nur noch mehr Enttäuschung über sich selbst. Und damit zu Selbstanklagen, Selbstabwertung und demoralisierenden inneren Dialogen wie: „Ich schaffe das nicht! Andere schon! Ich bin ein elender Versager! Das habe ich mir alles selbst zu zuschreiben! Weil ich nutzlos und nichts wert bin!“ Ohne Verbindlichkeit ist alles nur noch verfahrener als zuvor.

Wir sind alle Prima Planer und miserable Macher und was unser innerer Schweinehund damit zu tun hat

Max ist keine Ausnahme: jeder von uns hat einen perfekten, prima Planer in sich und viel zu oft ist unser innerer Umsetzer, unser Macher in der Ausführung des Plans miserabel und kennt dafür auch noch äußerst intelligente Ausreden, wie z.B. „heute ist ein besonderer Tag, an dem ich einen schönen beruflichen Erfolg hatte, das reicht, da brauche ich nicht auch noch joggen zu gehen“.

Die Zielerreichung gelingt nur erfolgreich und nachhaltig durch verbindliches Commitment für den Weg zum Ziel. Denn die Neurowissenschaft zeigt klar, wie aus einem Vorsatz eine Gewohnheit wird: nur durch regelmäßige Wiederholung und Einübung für einen ausreichend langen Zeitraum.

Unser innerer Umsetzer und Macher braucht dafür die Kooperation mit unserem „inneren Schweinehund“. Der ist erfreulicherweise ein ausgesprochenes Gewohnheitstier. So wie wir uns als Kinder vielleicht um das Duschen oder Zähneputzen drücken wollten und es heute zu einer automatisch- täglichen Gewohnheit geworden ist, so lässt sich jedes neue Verhalten durch Einüben zu einer automatischen Gewohnheit machen. Wenn man ein neues Verhalten regelmäßig durchführt, ist es nach etwa zwei bis drei Monaten zu einer Lebens - Gewohnheit geworden und fordert dann auch keine besondere Anstrengung oder Disziplin mehr. Denn dann meldet sich der innere Schweinehund, unser geliebtes Gewohnheitstier, mit folgendem Kommando: „Wann gehst du endlich joggen! Es wird jetzt aber wirklich Zeit!“ Er beschwert sich nunmehr massiv, wenn wir die (neu erworbene) Gewohnheit nicht mehr durchführen!

Die Mühen der Ebene

Die nächsten zwei bis drei Monate darf Max sein Disziplin testen: Wir erproben sein Commitment an seiner Körperlichkeit („KO“).
Er beschliesst, nach Büroschluss zweimal pro Woche abends auf einer auf seinem Heimweg liegenden Wald- Laufstrecke 30 - 45 Minuten zu joggen. Er hält dies für zwei Monate mit dem ihm eigenen Fleiß diszipliniert ein, obwohl er „oft gar keine Lust dazu“ hat. Hier kommt ihm sein Ehrgeiz und  hoher Anspruch an sich selbst zugute.

Nach gut zwei Monaten geschieht die prophezeite gehirnphysiologische Veränderung: Max braucht  gar nicht mehr zu überlegen, ob er Lust zum Joggen hat oder nicht, er macht es einfach und fühlt sich zunehmend fitter und beweglicher: „Ich lasse beim Laufen meinen Tag Revue passieren und bekomme als Bonus oft noch prima Ideen. Die Gedanken schwingen von einem Thema zum anderen und ich werde dabei innerlich ruhiger. Ich spüre förmlich, wie das Laufen meinen Nervenstress abbaut. Das hilft auch meinem Rücken. Es ist toll, dieses Phänomen zu erleben.“ Auch sein Schlaf bessert sich merklich. Und er macht seit drei Wochen zusätzlich eine Laufrunde samstags zusammen mit seiner Freundin. Die findet es toll, dass er fitter und „insgesamt auch besser drauf“ ist und sie gemeinsam Sport treiben. Und dass sie neuerdings alle zwei Wochen sonntags seine oder ihre Eltern zum Abendessen treffen, habe in ihrer Wahrnehmung die Beziehung „auf ein solideres Fundament“ gestellt.

Die Dominotheorie der Veränderung

Die Veränderung in einem Lebensbereich (hier KO) hat parallel zu einer Verbesserung in der Beziehung (BE) geführt. Ein Phänomen, das Coaches bekannt ist. Ich bezeichne das als die „Dominotheorie der Veränderung“: Eine positiv erlebte Verhaltensänderung generiert oft auch in anderen Lebensbereichen positive Effekte, die willentlich zunächst gar nicht adressiert worden waren. Ich vermute, dass der erlebte Hormonmix von mesolimbischem Dopamin und anderen Glückshormonen, wie Endorphinen und Serotonin, die ja auch durch Ausdauertraining ausgeschüttet werden, dieses Phänomen fördern. Max erlebt dies subjektiv als „einfach magisch“.

Genauso geht es im Lebensbereich SE/ Seele: Statt vor dem Fernseher einzuschlafen liest er abends oder hört ein Hörbuch. Die Geige hat er "zum Überholen" zum Geigenbauer gebracht.

Lernen am Modell

Max hat Spass an seiner Veränderung gefunden und ist neugierig auf sich selbst und die Gründe seiner Verhaltenweisen geworden. Wir arbeiten nun an anderen Hindernisse, die Max unüberwindlich schienen. Zum Beispiel an seiner Tendenz zum Aufschieben therapeutischer Entscheidungen bei der Visite, weil er Angst vor falschen Entscheidungen hat und erst alles ganz genau abwägen will. Bei seinen Asistenten und den Mitarbeiterinnen der Pflege kommt er dadurch aber eher als unentschlossen, zögerlich und unklar rüber. Aus der Werkzeugkiste des Coaches wähle ich hierfür ein Instrument, das „New Behavior Generator“ genannt wird und die Möglichkeit des Modelling, des Lernens und Einübens am Modell nutzt.
Sein Modell: Max hat einen Freund, der einen Handwerksbetrieb in dritter Generation führt. Dieser ist ständig gezwungen, klar und schnell Entscheidungen zu treffen. Er tut dies ohne Zögern. Genau das möchte Max am Krankenbett auch können. Wir analysieren die innere Strategie des Freundes, sein Verhalten während er entscheidet und übertragen dieses gehirngerecht in leichter Trance passgenau auf Max. Seine Erfahrung: „ Ich kann bei der Morgenvisite klar und präzise meine Therapievorschläge formulieren. Sie glauben gar nicht, wie mich das befreit,. Dieses Erfolgserlebnis trägt mich durch den Arbeitstag“!
Peu à peu erreicht Max im Verlauf des viermonatigen Coachings gewünschte Verhaltensweisen und integriert neue unterstützende Glaubenssätze. Seinen stärksten Hauptantreiber-Satz: „Ich muss immer der Beste sein“ verwandelt sich in ein selbst-empathisches Belief: „ich bin Max - und das reicht!“  

Der „Super- Achiever“

Bei einem Supervisions - Termin nach 6 Monaten beschreibt Max das tolle Feedback, das er von seinem niedergelassenen Freund bekommen hat: er sei ein „Super- Achiever“, ein Mensch, dem scheinbar alles mühelos gelingt: erfolgreich im Job, Zeit für Partnerschaft und Sport und dabei seelisch ausgeglichen und freundlich.

Max schätzt an sich selbst besonders seine neue Fokussierungsfähigkeit auf das, was er gerade macht. Er fühlt in diesem Moment, dass er selbstlenkend „wie im Flow“ arbeitet. Seine Wochen- und Tagesstruktur ist zu einer ihn stützenden Routine geworden. Und das tollste: sie erwarten ihr erstes Kind. Die allerschönste neue Herausforderung! Max will eine mehrmonatige Elternzeit nehmen und mit allen Sinnen geniessen. 

Dr. Wilhelm Adelhardt

www.coach-adelhardt.de

LIT.:

How are habits formed: Modelling habit formation in the real world

Phillippa Lally  Cornelia H. M. van Jaarsveld  Henry W. W. Potts  Jane Wardle

First published: 16 July 2009

 https://doi.org/10.1002/ejsp.674

s research was conducted by Phillippa Lally when she held a Medical Research Council PhD studentship and has been written up during an Economic and Social Research Council postdoctoral fellowship.

Abstract

To investigate the process of habit formation in everyday life, 96 volunteers chose an eating, drinking or activity behaviour to carry out daily in the same context (for example ‘after breakfast’) for 12 weeks. They completed the self‐report habit index (SRHI) each day and recorded whether they carried out the behaviour. The majority (82) of participants provided sufficient data for analysis, and increases in automaticity (calculated with a sub‐set of SRHI items) were examined over the study period. Nonlinear regressions fitted an asymptotic curve to each individual's automaticity scores over the 84 days. The model fitted for 62 individuals, of whom 39 showed a good fit. Performing the behaviour more consistently was associated with better model fit. The time it took participants to reach 95% of their asymptote of automaticity ranged from 18 to 254 days; indicating considerable variation in how long it takes people to reach their limit of automaticity and highlighting that it can take a very long time. Missing one opportunity to perform the behaviour did not materially affect the habit formation process. With repetition of a behaviour in a consistent context, automaticity increases following an asymptotic curve which can be modelled at the individual level. Copyright © 2009 John Wiley & Sons, Ltd.